Bout

Wortbild "Bout"

1
Ich und
der Papa
aus Rom

1970–1975 | SALZBURG

ES WAR PFINGSTMONTAG im Jahre 1970 in Salzburg. Gerade rechtzeitig geboren, um ein Stück jenes Heiligen Geistes zu erhaschen, den der Herr zu dieser dritten heiligen Zeit aus allen Kannen über die Welt ausgoss. Apropos. Papst Johannes Paul II. feierte an diesem Tag seinen 50-er.

NIVEA WARB mit dem Slogan „Wir von der Sommerseite“. Und das mitten im Frühling! Mein Leben fing sehr vielversprechend an. Außerdem war Flower Power voll im Gange. Doch das trug sich nur jenseits meines Wahrnehmungshorizonts zu. Gleichwohl eine psychedelisch wirkende Tapete irgendwann auch bei uns zu Hause eine Wohnzimmerwand schmückte.

MEHR ERINNERE ICH MICH an Christian Anders, einem gebürtigen Steirer, der gesanglich von einem Zug unterrichtete, mit dem er ins Nirgendwo fuhr. Eine Metapher, die mir bis heute große Rätsel aufgibt.

2
Klementine
& Co

1975–1980 | SALZBURG

AUS DIESER ZEIT ist mir ein Mann namens Jan-Gert Hagemeyer noch in besonders vertrauter Erinnerung. Nicht wegen seines Namens, sondern wegen dem, was er tat. Als gelernter Schauspieler mimte er den Persil-Erklärer, von dessen Publikum er sich allabendlich mit den Worten „Persil, da weiß man, was man hat. Guten Abend!“ verabschiedete.

WENN ICH ALS KIND den Hagemeyer intonieren hörte, bekam ich eine Ahnung davon, wie sich absolute Wahrheit anhören musste. Er vermochte, meine kindliche Welt für 30 Sekunden heil zu machen. Eine Art Übervater, wenngleich an dieser Stelle erwähnt werden muss, dass mein Vater auch seine Stärken hatte. Dennoch: Großes Kino. „Da weiß man, was man hat.“ Ein Satz für die Werbeewigkeit, obwohl die damals weltbesten Werbetexter mit zwei Indefinitpronomen schlampten.

• Indefinitpronomen: hier nachlesen

3
Großer
Pathos am
Herd und
am Grill

1980–1984 | SALZBURG

WIR GEHEN EIN PAAR JAHRE weiter und sehen einen gestählten Körper am Ufer eines Flusses, inmitten der Berge. Der Morgentau zieht übers Moos. Ein Mann macht sich von seiner Berghütte auf, begleitet allein von seinem Hund. Aus dem Off hörst du eine tiefe Erzählerstimme ausrichten: „Sag dem Abenteuer, dass ich komme. Das ist die Stunde, wo ein Mann aufbricht in das große Abenteuer Weite“.

WOW. WERBUNG ging ab da völlig anders. Von nun an hatten Werbetexter richtig Spaß. Erzählen statt Erklären. Soviel Pathos für ein Aftershave, wer hätte das gedacht.

AUCH FRAUEN wurden auf der Suche nach einem neuen Lebensgefühl adäquat bedient. Sie bekamen ein Haarshampoo: „Haare gut, alles gut“, heißt es da. Eine Hymne aufs Haar, aufgesetzt auf einen Hit von vier – mittlerweile – alten Schweden. Die Haare wallten gewaltig in einem Spot voll junger, moderner Frauen. Es war die Zeit, als sie ihre Rolle hinterm Herd aufgaben, und die Männer ihre hinter den Grillern einnahmen.

SELBST DER HAGEMEYER war noch am Werk, im Spätherbst seiner Persil-Karriere. Jetzt beendet er seinen Vortrag mit: „Da weiß man, was man mehr hat.“ Schade. War dann halt doch nur für eine eingeschränkte Ewigkeit.

4
Yeah! Ich
bin werbe-
relevant!

1984–1990 | SALZBURG

ALLES WAR GUT, der Kalte Krieg noch voll im Gange, die Wirtschaft verlangte nach mehr Fernsehwerbezeit. Bekommen haben wir das Privatfernsehen. Es kam nicht allein, die werberelevante Zielgruppe wurde gleich miteingeführt. Männer und Frauen zwischen 14 und 49 Jahren. Eine Schublade so groß wie die halbe Welt. Dennoch. Der Zeitpunkt konnte nicht besser für mich sein. Da mittlerweile 14 Lenzen meinen Buckel geformt hatten, und ein zarter Flaum meine Oberlippe zierte, war ich gleich von Anfang an dabei. Ich war werberelevant. Was für ein Aufstieg.

BALD SCHON lernte ich die Schattenseiten dieser Ehre kennen. Ich erfuhr, wie erbärmlich es mitunter sein konnte, Zielgruppe zu sein. Mit nackten Brüsten geködert, fasste ich konsequent die Höchststrafe aus. Zwölf Minuten Werbung schauen pro Stunde. 24/7. Ich hatte nichts anderes verdient.

DENNOCH es war die Zeit des Erwachsenwerdens, der Neugier und der Orientierung. Drum traf es sich gut, dass ich – als Vertreter der relevanten Zielgruppe – als einer der Ersten erfuhr: Ich müsse nur jung, reich, schön und klug sein, und die Welt liege mir zu Füßen. 25 Prozent der Welt gehörten damals also mir.

5
Unbezahlte Anzeige

SORRY!

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6
Von lang-
weilig bis
schlÜpfrig

1990–1994 | SALZBURG

ZU MEINEM ZWANZIGSTEN Geburtstag unterzeichnen Theo Waigel und Walter Romberg den Deutsch-Deutschen Staatsvertrag zur Bildung einer Wirtschafts-, Sozial- und Währungsunion. Etwas spannenderes passiert an diesem Tage nicht, andernfalls stünde es hier. Immerhin: Ein paar Monate zuvor wird Nelson Mandela aus der Haft entlassen, im Juli betrauern die Österreicher das Ableben des legendären Altkanzlers Bruno Kreisky.

BAP SCHAFFT es mit „X für ’e U“ an die Spitze der Album-Charts, während sich ein Hugo Egon Balder mit hemmungslosen Tutti-Fruttis zur Legende macht. Nicht weniger schlüpfrig klingt es „Mann! Ist der Dickmann“ aus dem Äther. Na gut, über Geschmack lässt es sich bekanntlich streiten. Außer bei Schwedenbomben, wie man jenseits der Grenze Schokoküsse nennt. Da ist der gelernte Österreicher völlig toleranzbefreit. Da ziehen wir das Gute dem Dicken vor.

IM GLEICHEN JAHR 1993 wird das World Wide Web der Öffentlichkeit freigegeben. Doch das hat derselben zunächst nur wenig interessiert.

7
Was mir
der BOris
voraus hat

1994–2000 | SALZBURG

ICH WAR JUNG und hatte kein Geld. Das lag vermutlich daran, dass ich mein Erwirtschaftetes vorwiegend im Rahmen sinnbefreiter Unterhaltungen an den Theken meiner Stammkneipen investierte. Was der Mann zum Leben braucht, erfuhr ich dort aus erster Hand. Zum Beispiel die Nokia-Banane oder später den Communicator. Premiere, das Privatfernsehen ohne Werbung, gibt es gegen Bezahlung dann auch.

DAS INTERNET tarnte sich noch eine ganze Weile, bis es sich einer breiteren Masse ernsthaft antrug. Es tat dies in Form von Boris Becker und dem „Ich bin drin!“. Grad war er noch dick Mann und schon war er drin? Egal. Doppeldeutigkeit war halt unter Werbetextern sehr angesagt. Das war 1999. Gerade 18 Prozent der Haushalte waren damals online. Dann wollten alle Boris Becker kennenlernen oder zumindest so viel Spaß haben wie er.

IM SELBEN JAHR wird die Familie Putz geboren und schreibt seither ein beständiges Stück österreichischer Werbegeschichte.

8
Dreieinhalb
ZoLL Apfel
und nichts
als Ärger

2000–2010 | SALZBURG
 
ABER ERSTMAL PLATZT die Dotcom-Blase und vernichtet jede Menge Geld. Geiz wird geil – als Slogan und Mentalität, bevor das Internet wenige Jahre später als 2.0 zu einem neuen Höhenflug ansetzt. Mitmachen statt nur zugucken. Hätte man das wohl besser gelassen.
 
MY SPACE & CO – wir reden von einer Zeit, in der soziale Medien noch völlig unterdächtig waren. Auf Facebook grüßte man sich auch noch vorwiegend freundlich, in einem Netz, das so langsam wie eine verkalkte Kaffeemaschine war. Es herrscht noch Ruhe vor dem Sturm, den uns 2007 Steve Jobs mit dem iPhone beschert.
 
SEITHER IST nicht mehr jeder nur sein eigenes Medienhaus, sondern hat es praktischerweise auch mit. Seine Freunde mit zehn Zehen vor der untergehenden Sonne in Echtzeit zu beglücken, läuft. 97 Likes. Der neue Griller mit dem brennenden Ehegatten ging sogar viral. Das Video, mit dem Feuerwehrmann und der Ehegattin ist übrigens in einer Telegram-Gruppe wieder aufgetaucht.
 

9
Die dIgItale
Welt ist
völlig real

SEIT 2010 | FREILASSING
 

ES HILFT JA kein Jammern, denn Die Welt ist, wie sie ist. Und die meisten von uns, machen brav mit. Das Digitale hat halt so vieles gedreht, natürlich auch in der Werbung. Alles muss schneller, alles muss heller – mit reichlich Bling Bling.  Es sei denn, alles ist besser. Dann darf es auch weniger, bis hin zu ganz still.

 
DIGITAL HIN, digital her, der Mensch gewöhnt sich ohnehin an alles. Zum Beispiel an das Gefühl, mit dem neuesten iPhone das jüngste alte gekauft zu haben. Oder wie es zu kribbeln beginnt, wenn unsere Intuition uns sagt, wir hätten diese 50 Prozent unseres Gehirns unbedacht irgendwo liegen lassen.
 
DAS LEBEN wird heute in Pixel beschrieben, ob am Desktop oder smart. DOCH SOLANGE DIE LIEBE NOCH ANALOG IST, darf alles andere sein, wie es ist.

10
KI

UPDATE 2023
 

Den Algorithmus, der Intelligenz glaubwürdiger vortäuscht als ich, den möchte ich erst einmal sehen.

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Dienstleister

Du betreibst einen exponierten Frisörladen. Derer gibt es in Deutschland schlappe 80.000. Das war die schlechte Nachricht. Denn das sind vier Mal mehr als Apotheken, und das will was heißen.

Dein Salon, in dem zwölf Stylisten ihr Bestes geben, lebt von deinen Stammkunden und ihren Empfehlungen. Deine Webseite betreibst du als digitales Schaufenster für „the first impression“. Ergo ist dir wichtig, dass der Content – auch jene im Werbeflyer – kraftvoll und authentisch rüberkommt. Wei ihr seids so geile Typen und des miassn d’Leit wissn!

P.S.: Statistisch betrachtet bleiben für jeden deutschen Frisörsalon eintausend Köpfe zur Behandlung. Das war die gute Nachricht.

Ingenieure

Sie sind Inhaber eines Ingenieurbüros in Mondsee. In Ihrem Metier sind Sie fachlich stets auf der Höhe der Zeit. In Sachen Kommunikation hinken Sie Ihren hohen Ansprüchen hinterher, denn Ihre Innovationskraft investieren Sie ins Kerngeschäft.

Eine generelle Herausforderung in Ihrer Kommunikation ist, dass Ihre Expertise nach viel kopflastiger – also rationaler – Beschreibungen verlangt und daher wenig emotionalisiert.

Ihr Profil für einen geeigneten Werber ist daher: rasche inhaltliche Auffassungsgabe, gutes Verständnis für Ihr Geschäftsmodell und im Besitz der Fähigkeit, rationale Inhalte nicht irrational – aber dennoch anders zu vermitteln. Sie suchen also mich.

Hoteliers

Sie führen in Berchtesgaden ein Landhotel in zweiter Generation. Als Verfechter der Überzeugung, wonach das Gute so nahe liegt, beziehen Sie Ihre Lebensmittel nur von Anbietern aus der Region. Sie sind halt geerdet, so soll es sein.

Gerade erst feierte Ihr Haus sein 50-jähriges Bestehen. Dem Anlass entsprechend luden Sie zu einem großen Jubiläumsfest. 

In diesem Augenblick halten Sie die Festschrift in Ihren Händen und sagen: „Wirklich schön hat er das g’macht, der Höllbacher. Der findet die Worte für meine Gedanken, als wenn’s aus mir selbst käm‘. [Anm.: Das hat in Wahrheit noch nie – aber wirklich nie – jemand von mir gesagt.] 

Start-Upper

Du bist dabei, mit einer innovativen Dienstleistung oder Produkt am Markt ordentlich durchzustarten. Du hast reichlich erfolgreiche Rückmeldung vom Markt, ein Spurwechsel auf höhere Skalen steht an. Von Salzburg, via Berlin nach New York.

Ein Baustein deiner weiteren Erfolgsstory wird sein, eine Erzählform zu etablieren, die noch klarer und tiefer verfängt, als deine aktuelle. 

Du hast schon manches selber probiert, dabei aber die Feststellung gemacht, dass nichts Neues dabei rauskommt, wenn man im eigenen Saft zu lange brät. Du kannst dir sicher sein, dass dort, wo ich hinlang, garantiert was Neues reinkommt.

Marketer

In einem Salzburger Großkonzern verantworten Sie sämtliche Werbemaßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit. Ihre aktuelle Kommunikationslinie erscheint Ihnen ziemlich ausgelutscht. Dass Sie die Besten sind, weiß nun wirklich jeder. Deshalb suchen Sie nach neuen Ideen aus einem anderen Blickwinkel.

Vorschlag: Einfach 180 Grad um die eigene Achse gegen den Uhrzeiger drehen. Von dort sieht es schon sehr vielversprechend aus. 

Wenn das der Geschäftsführung zu gewagt ist, bleiben wir bei der Wir-sind-die-Besten-Nummer. Ich meine: Superlativen einmal anders zu beschreiben, hat auch seinen Reiz.

Bauunternehmer

Du bist Chef eines Bauunternehmens in Traunstein. Der Hundert-Mann-Betrieb, den du mit eigenen Händen aufgebaut hast, ist in einer Nische fest etabliert. Das macht ihn aus, deshalb seid ihr auf den Baustellen der Region so erfolgreich. 

Apropos. Dass eure Webseite auch einer Baustelle gleicht, da erzähle ich dir nichts Neues. So fantastisch ihr im wahren Leben seid, so ausbaufähig ist euer virtuelles.

Bis vor zwei Minuten kanntest du niemanden, mit dem du hier gezielt den Spaten ansetzen konntest. Jemand, der sich in euch reindenkt, alles in ein solides Fundament gießt und in Werbetexte, Konzepte und Werbedesigns umsetzt. Wie gesagt: bis vor zwei Minuten – Haaallooo!